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11.03.2010
"Der Bund muss mehr Verantwortung übernehmen"

Bildung ist ein Versprechen für die Zukunft. Denn Bildung ermöglicht uns u.a. ein selbstbestimmtes Leben und dem Gemeinwesen sichert sie den Erhalt des Wohlstandes. Mit welchen Konzepten und mit welchen Instrumenten Bildung gelingen kann, das präsentiert auch in diesem Jahr wieder die didacta. Sie will zudem Lösungsansätze aufzeigen für die Probleme, die im deutschen Bildungssystem nach wie vor zahlreich vorhanden sind.

Weiterhin besteht Verbesserungsbedarf - trotz aller eingeleiteten Reformen und den Wahlkampfreden der Politiker. Der Didacta Verband der Bildungswirtschaft fordert deshalb seit Jahren weitere Schritte hin zu einem Bildungssystem, das internationale Entwicklungen aufgreift, die Kinder individuell fördert und so allen die gleichen Startchancen ermöglicht.

Noch ist das System dazu nicht in der Lage. Ein Beispiel: In Deutschland erhalten knapp 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht, den sich die Eltern im Jahr zwischen 942 Millionen Euro und 1,468 Milliarden Euro kosten lassen. Das haben Prof. Klaus Klemm und Annemarie Klemm in einer Studie 2009 berechnet. Besonders alarmierend ist demnach, dass bereits am Ende der Grundschule viele Kinder Nachhilfe bekommen - in der Phase, in der sie auf die weiterführenden Schulen gelenkt werden. Es scheint, als trauten viele Eltern den Schulen nicht zu, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Nun ist Nachhilfeunterricht nicht per se schlecht. Es stellt sich vielmehr die Frage, wer ihn sich leisten kann. Oder besser: Wer ihn sich nicht leisten kann. In einem gerechten Bildungssystem - in einem reichen Land wie Deutschland - sollten Kinder nicht auf Nachhilfe angewiesen sein.

Die Politik spricht gerne davon, die individuelle Förderung zu verbessern. Dafür muss sie jedoch bereit sein, mehr und wirksamer in das Bildungssystem zu investieren.

Das Bildungssystem darf nicht länger unterfinanziert bleiben
Der Bildungsfinanzbericht 2009 belegt, dass die Investitionen in Bildung insgesamt zwar steigen, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) jedoch rückläufig ist. Der Blick ins Ausland bestätigt dies: Die OECD rechnet in der Studie "Bildung auf einen Blick 2009" einmal mehr vor, dass die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildung in Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ausfallen. Während sie in Deutschland 2006 bei 4,8 Prozent des BIP lagen, gaben Spitzenreiter, wie die USA oder Korea, mehr als sieben Prozent des BIP für Bildung aus. Dieses Ziel hat die deutsche Politik allerdings erst für 2015 angepeilt. In diesem Zusammenhang sei hier auch an den seltsamen Versuch der Finanzminister der Länder erinnert, die geltenden Regeln der Bildungsbilanzierung zu ihren Gunsten zu verändern, oder an die äußerst dürftigen Ergebnisse der Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder.

Ganz konkret fehlt beispielsweise Geld für den Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren, für die es ab 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter geben soll. 12 Milliarden Euro veranschlagten Bund, Länder und Kommunen alleine dafür. Doch die Präsidentin des Deutschen Städtetages, Petra Roth, warnte bereits: "Ohne weitere Finanzhilfen werden es die Kommunen nicht bewältigen können, den Rechtsanspruch ab dem Jahr 2013 umzusetzen, so sehr sie sich auch anstrengen. Bund und Länder müssen endlich erkennen, dass der Ausbau der Kinderbetreuung unterfinanziert ist."

Der Bund muss für gleiche Startchancen sorgen
Der Didacta Verband sieht das ebenso. Deshalb fordern wir Bund, Länder und Kommunen auf, ein gemeinsames Finanzierungsmodell für Bildung zu etablieren, das eine angemessene Personal- und Sachausstattung der Bildungsorte sicherstellt. Wir können es uns nicht länger leisten, dass sich die Ebenen in Fragen der Bildungsfinanzierung den schwarzen Peter zuschieben. Nur in gemeinsamer Verantwortung können die Anpassung an veränderte Anforderungen, der Ausbau und die qualitative Weiterentwicklung des Bildungssystems sichergestellt werden. Auch ungewöhnliche Vorschläge wie der von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kinder von "Hartz-4-Beziehern" mit Sachleistungen für Bildung zu unterstützen, sollten von den Beteiligten ernsthaft geprüft werden.

Dabei sehen wir besonders auch den Bund in der Pflicht. Zwar ist Bildung in Deutschland Ländersache. Doch hat nicht der Bund die Aufgabe, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen?  Davon kann jedoch bereits in der vorschulischen Bildung nicht die Rede sein, wie die jüngsten Ergebnisse des "Länderreport frühkindliche Bildung" zeigen. Der von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene Bericht weist auf deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern hin, sowohl beim Stand des Ausbaus als auch bei den Faktoren, die für  eine gute Qualität der Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen von Bedeutung sind.

In dem Länderreport wird zutreffend erklärt, dass "insbesondere die Personalressourcen (darüber) entscheiden, wie Kitas den gesellschaftlich formulierten Bildungs- und Betreuungsauftrag erfüllen können. Sie müssen deshalb beim Ausbau der Systeme im Fokus sein, denn Bildungspolitik steht vor der drängenden Herausforderung, allen Kindern in Deutschland gute und vergleichbare Entwicklungs- und Bildungschancen zu eröffnen."

So müssen nicht nur ausreichend viele Angebote zur Verfügung stehen, sondern die Angebote müssen auch qualitativ hochwertig sein, um die Bildungsprozesse von Kindern positiv beeinflussen zu können.

Unzulängliche Bedingungen - vor allem bei den Personalressourcen - können sich nach internationalen Studien auch nachteilig auf die Persönlichkeitsentwicklung sowie die gesamte Bildungsbiographie unserer Kinder auswirken.

Die Situation in den einzelnen Bundesländern zeigt jedoch, dass die Bildungschancen für Kinder ab drei Jahren, wenn sie eine Kindergartengruppe besuchen, bundesweit je nach Wohnort unterschiedlich sind. Während in einigen Bundesländern durchschnittlich acht Kinder von einer Erzieherin betreut werden, liegt der Personalschlüssel in anderen Bundesländern bei 13 Kindern.

Damit wird deutlich: Eine Chancengerechtigkeit für Kinder ist nicht gesichert und die Eltern erhalten ganz unterschiedliche Unterstützungen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Der Staat verschenkt Ressourcen
Was unzureichende Bildung kostet, haben im vergangenen Jahr Prof. Ludger Wößmann und Marc Piopiunik dargelegt. Ihre Studie zeigt, dass durch eine Bildungsreform Erträge in Höhe von 2.808 Milliarden Euro bis ins Jahr 2090 möglich sind - mehr als das gesamte heutige BIP. Sie setzen dabei voraus, dass die Bildungspolitik in den nächsten zehn Jahren Maßnahmen ergreift, die unzureichende Bildung schrittweise reduziert und vor allem die Gruppe der sogenannten Risikoschüler minimiert. Diese macht heute etwa ein Fünftel der 15-jährigen Deutschen aus, die nur auf Grundschulniveau rechnen und schreiben können.

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass der Staat diesen immensen Betrag nicht hinzu gewinnt, wenn er keine weiteren Schritte zur Verbesserung des Bildungssystems unternimmt.

Neben der zentralen Forderung, die Bildungseinrichtungen angemessen mit Personal- und Sachressourcen auszustatten, muss eine solche Bildungsreform vor allem:

  • das Bildungsverständnis modernisieren, das dem Bildungssystem zugrunde liegt;
  • die fehlende Konsistenz im Bildungsverlauf beseitigen;
  • das Bildungssystem angemessen regulieren;
  • die individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellen und nicht die Bildungsinstitutionen;
  • bundesweit geltende Bildungspläne etablieren, vor allem im vorschulischen und Grundschulbereich, um  die vorhandenen Unterschiede bei den Bildungschancen der Kleinsten zu beseitigen;
  • die Ausbildungsgänge den neuen Institutionen übergreifenden Bildungsplänen anpassen, d.h. das Konzept eines Pädagogen entwickeln, der kompetent ist, Bildungsprozesse von Kindern von 0 bis zum Ende der Grundschule zu gestalten;
  • die Finanzmittel ziel- und bedarfsorientiert verteilen;
  • Diversität und kulturelle Vielfalt als Bereicherung wertschätzen.

Wenn wir den Grundsatz "No child behind" ernst nehmen, dann bedarf es einer tiefgreifenden Reform nicht nur der Strukturen, sondern und vor allem der Bildungsqualität. Bildungsprozesse sind für individuelle Bildungsbiographien entscheidend. Sie zu optimieren, ist die Chance und die Herausforderung zugleich.

Die Pädagogen benötigen die geeigneten Hilfsmittel
Qualität ist auch entscheidend bei der Ausstattung und Einrichtung der Bildungsinstitutionen sowie der außerschulischen Lernorte. Leider entspricht diese längst nicht überall dem Standard, den die Aussteller der didacta präsentieren werden.

Das Konjunkturpaket II versprach eine Bildungsoffensive. Doch was ist davon in der Praxis angekommen? Von den Mitgliedern des Didacta Verbandes hat die überwiegende Mehrheit nicht von den Fördergeldern profitiert, da die Mittel fast ausschließlich in die Gebäudesanierung geflossen sind. Von Ausnahmen berichten nur einzelne Ausstatter und Einrichter. Eine echte Verbesserung der Ausstattungssituation können wir aufgrund der Rückmeldungen aus den Unternehmen allerdings nicht feststellen; und auch für dieses Jahr rechnen die meisten Firmen nicht mit gravierenden Veränderungen, da insbesondere die angespannte Haushaltslage der Kommunen die Etats für Sachausstattungen belastet.

Somit bleibt es dabei: Neben intakten Gebäuden benötigen Kindergärten, Schulen und weiterführende Bildungseinrichtungen beispielsweise eine Erneuerung des Mobiliars, der Einrichtung von Labor- und Arbeitsräumen und eine Modernisierung der Lehr- und Lernmittel.

Die Bildungswirtschaft trägt zur Qualitätssteigerung bei
Vor diesem Hintergrund müssen Erzieher, Lehrer, Ausbilder und Trainer ihrer Arbeit nachgehen, zusätzlich konfrontiert mit einem wachsenden öffentlichen Druck. Wir wollen ihnen dabei helfen und ihnen die geeigneten Instrumente an die Hand geben: Materialien, die Sprach- oder Medienkompetenzen fördern oder die Neugier auf naturwissenschaftliche Phänomene wecken, fachspezifische Ausstattungen und Einrichtungen sowie alters- und anwendergerechte Bücher und andere Medien, um hier nur einige Angebote zu nennen.

Die Bildungswirtschaft leistet so einen qualitativ hochwertigen Beitrag zur weiteren Steigerung der Bildungsqualität. Dies zeigt sich auch bei der Fort- und Weiterbildung von Fachkräften, die auf der didacta traditionell eine zentrale Rolle spielt. Denn die Bildungsmesse ist nicht nur die größte Produktschau ihrer Art, sondern auch eine einmalige Qualifizierungsveranstaltung für die Verantwortlichen aller Bildungsbereiche. Verbände und Aussteller haben erfahrene Praktiker und renommierte Bildungsforscher dafür gewinnen können, ihr Wissen und ihre Anregungen für die tägliche Bildungsarbeit vorzustellen. Insgesamt können sich die Besucher der didacta auf rund 1 600 Vorträge, Seminare und Workshops freuen.

Solch konstruktive Beiträge erwartet der Didacta Verband auch von der Bildungspolitik. Deshalb führen wir in Köln den Dialog mit den Verantwortlichen von Bund, Ländern und Gemeinden. Zahlreiche Bildungspolitiker haben sich angekündigt, darunter Bundesbildungsministerin Annette Schavan und NRW-Bildungsministerin Barbara Sommer. Wir werden auf die genannten Veränderungen drängen und uns zwei Monate vor der Landtagswahl in unserem Gastgeberland nicht mit Wahlkampfreden zufrieden geben. Es ist höchste Zeit, bildungspolitische Versprechen einzulösen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.